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Historische Aufnahme: Müllerstraße Ecke Barfußstraße

Ein Blick in die Vergangenheit lässt erkennen, dass die Müllerstraße als heutige Hauptstraße des Wohnbezirks Wedding schon immer eine große Bedeutung hatte. Sie wurde am Ende des 18. Jahrhunderts im Zusammenhang mit dem in Preußen zunehmenden Chausseebau als „Kunststraße“ (früher ein Teil des alten Heerweges nach Ruppin) angelegt und stellte eine wichtige Verbindung nach Tegel her, die die Besiedlung des Nordens beschleunigte.

Diese neue Kunststraße verlief durch die ehemalige Stadtheide, die beim Straßenbau völlig abgeholzt wurde. Die dadurch ausgelöste Erosion verödete das gesamte Gebiet und der starke Wind trieb den Sand bis an den Nordrand der Berliner Stadtmauer. Das löste die Idee aus, den starken Wind wirtschaftlich zu nutzen, und es wurden in den Jahren 1809 und 1810 die ersten Windmühlen errichtet. Die Benennung der Straße, an der inzwischen 25 Müller wohnten, erfolgte erst nach der Parzellierung des Weddings um 1827.

Ein planmäßiges Straßennetz wurde erst angelegt, nachdem das gesamte Gebiet des Weddings durch die Parzellierung zur Besiedlung aufgeteilt war. Ein Teil der heute noch erhaltenen Straßennamen führen das frühere Aussehen der Landschaft deutlich vor Augen. Einige Beispiele sollen hier genannt werden:

  • Seestraße (nach dem nahe gelegenen Plötzensee)
  • Schulstraße (erste Schule)
  • Ruheplatzstraße (Friedhof, Begräbnisplatz)
  • Fennstraße und Torfstraße (Sumpfgebiet)
  • Exerzierstraße (Übungsplatz des Militärs)

Die seinerzeit umstrittene und zum Teil abgelehnte Eingemeindung der Gebiete außerhalb Berlins vollzog sich nach umfangreichen Verhandlungen im Jahre 1861. Damit gehörte das ländliche Wohngebiet der Weddinger Feldmark offiziell erstmals zu Berlin. Als neuer Stadtteil hatte der Wedding und damit auch die Müllerstraße, nun an der Entwicklung Berlins zur Industrie- und Reichshauptstadt regen Anteil.

Nach der inzwischen stark angewachsenen Bevölkerung des Weddings um das Jahr 1850, gab es eine explosionsartige Zunahme der Bewohner durch die industrielle Besiedlung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das Freizügigkeitsgesetz von 1864 bewirkte eine größere Mobilität und holte viele Menschen mit der Hoffnung auf Arbeit vom Land in die Hauptstadt. Die Entwicklung des Weddings als Industriestandort bewirkte eine starke Zunahme der Bevölkerung.

Inzwischen gab es zunehmend mit dem Anwachsen der nach Berlin strebenden Menschen eine intensive Bebauung im Einklang mit der Erweiterung des Straßennetzes. In Abhängigkeit zu den inzwischen entstandenen Industriestandorten begann die Bebauung mit so genannten Mietskasernen im Wedding, die auch an der Müllerstraße das Stadtbild zunehmend prägten. Die Wohnquartiere wurden möglichst nahe der großen Industriebetriebe errichtet. Etwa zwischen 1860 und 1880 verschwand dann auch nach und nach die niedrige Vorstadtbebauung und diese wurde sofort danach durch gewinnträchtige Mietskasernen mit mehreren Höfen und Hinterhäusern ersetzt.

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Müllerstraße Ecke Seestraße

An der Kreuzung Seestraße mit der Müllerstraße sind an allen vier Seiten unterschiedliche Bausubstanzen vorhanden. An einer Seite erkennt man heute noch die Überreste der 150 Jahre alten Weddinger Baugeschichte. Neben den Resten eines Wohnhauses von 1820 steht ein dreigeschossiger Altbau und weitere Ladenbauten aus anderen Zeiten prägen diesen Standort. Hier kann Geschichte bei näherer Betrachtung nacherlebt werden. Die Ecke mit dem Alhambra-Kino zeigt die typische Bebauung aus den Jahren um 1950.

Ein weiterer Bebauungsschub setzte dann gegen Ende des 19.Jahrhunderts ein, als im benachbarten Bereich der Müllerstraße (Luxemburger, Genter Straße, Seestraße usw.) Wissenschafts- und Ausbildungseinrichtungen entstanden. Mit diesen noch heute renommierten Einrichtungen entstanden neue Wohnquartiere, zum Teil von besserer Qualität, die den Wedding und zunehmend auch die Müllerstraße etwas aufwerteten. Es entstanden neue Einkaufsmöglichkeiten und der Verkehr wurde lebendiger. Man erkannte sehr deutlich die Abhängigkeit der Müllerstraße von der Umgebung und von den Kiezen, die zunehmend das Erscheinungsbild dort prägten.

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Ehemalige Müllerhalle

Durch die Folgen der beiden Weltkriege war der Wedding wie viele andere Bezirke besonders schwer betroffen. Dass die Müllerstraße und deren Umgebung wieder neu entstehen konnten, ist im besonderen auch den vielen Frauen (im Volksmund „Trümmerfrauen“ genannt) und ihrer Arbeit in den Nachkriegsjahren zu verdanken. Mit dem Wiederaufbau und der Beseitigung der Kriegsschäden gab es aber auch Gelegenheit die Wohn- und Geschäftsstrukturen in und an der Müllerstraße zu verbessern und neu zu gestalten. Die Müllerstraße wurde mit dem wirtschaftlichen Aufschwung zur belebten und beliebten Bummel- und Einkaufsstraße.